Aconitum napellus - Die gefährlichste Heilpflanze Europas?
Die Dosis entscheidet über Gift oder Heilmittel
Um kaum eine Heilpflanze ranken sich derart viele Gerüchte und Vorurteile . Immer wieder gibt es Berichte über vermeintliche oder tatsächliche Gefahren des Blauen Eisenhuts. Unbestritten ist, daß Aconitum giftig ist. Unbestritten ist aber auch, daß es in der Heilkunde unverzichtbar bleibt. Wie schon Paracelsus sagte: "Dosis venenum facit- Die Dosis macht das Gift".
Der Blaue Eisenhut (Aconitum napellus) wird vielfach auch als giftigste Pflanze Europas bezeichnet. In allen Pflanzenorganen sind während des gesamten Vegetationszyklus Diterpenalkaloide nachweisbar. Der wichtigste (toxische) Inhaltsstoff ist das Alkaloid Aconitin. In den Wurzelknollen von Frischpflanzen ist es in einer Konzentration von 0,3 bis 3,0 % enthalten, im Blatt liegt sie bei 0,2 bis 1,25 %. Beim Trocknen der Pflanze nimmt die Giftigkeit zwar ab, verschwindet aber auch nach vielen Jahren nicht völlig.
Botanik
Der Blaue Eisenhut, auch Echter Sturmhut genannt, gehört zur Pflanzenfamilie der Hahnenfußgewächse (Ranunculaceae). Die Pflanze erreicht eine Höhe von 0,5 bis 1,5 Meter und blüht von Juni bis August. Ihre Blüten wirken wie violett-blaue Trauben. In Europa findet man den Blauen Eisenhut wildwachsend in den Alpen und höheren Mittelgebirgen. Die Pflanze kommt vor in Gebüschen, auf Schutthalden, auf feuchten humosen Weiden und an Bachufern. Sie bevorzugt fetten, gut gedüngten Boden. Sehr häufig ist der Blaue Eisenhut als Zierpflanze in Gärten zu finden.
Die Gattung Aconitum ist außerordentlich formenreich; je nach Auffassung werden 60 bis 350 Arten unterschieden. In China sollen ca. 180 Arten vorkommen.
Geschichtliches und Allgemeines
Aconitum ist schon im Altertum bekannt gewesen. Der Sage nach aus dem Speichel des Zerberus entstanden, soll Medea es bei Theseus angewandt haben. Auch wird berichtet, daß Aristoteles durch Aconitum den Tod gefunden habe. Dioskurides erwähnt, daß die Wurzel, wenn mit ihr ein Skorpion berührt würde, diesen töte. Jedoch kann das Aconitum der Alten nicht unser Eisenhut (Aconitum napellus) sein, da dieser in Griechenland fehlt. Auch in der traditionellen Medizin Asiens spielen Aconitum-Arten eine Rolle. Sie werden vor allem als Analgetika und Antiphlogistika bei Rheumatismus, Neuralgien und Traumen eingesetzt, daneben bei allen möglichen Erkrankungen, von Menstruationsstörungen und klimakterischen Beschwerden bis zum Schlangenbiß. Im allgemeinen werden die Aconitumwurzeln zuvor einer Prozedur zur Reduktion des Giftgehaltes unterzogen. In Indien läßt man sie zum Beispiel im Urin von Kühen eingeweicht drei Tage lang in der Sonne stehen. Danach beträgt der Alkaloidgehalt nur noch ca. 40 % des Ausgangswertes.
Die Chinesen verwenden seit Jahrhunderten ein Narkotikum "Ma-Yao", das nach heutiger Zusammenstellung aus Arum, Hyoscyamus, Datura und Aconitum, also einer Kombination von narkotisch wirkenden Drogen mit einem Analgetikum, besteht.
Pulverisierte Wurzeln oder Extrakte aus Eisenhut wurden in der Antike als Mordgift geschätzt. Die Ärzte des Mittelalters und der Renaissance betrachteten das Aconitum ausschließlich als tödliches Gift und wendeten es entsprechend an. In den kalten und gemäßigten Zonen Europas, Alaskas, Sibiriens, Japans, Chinas und auf dem indischen Subkontinent dienten Aconitum-Arten außerdem zur Herstellung von Pfeilgiften.
Toxizität
In der deutschen und angloamerikanischen Literatur gibt es nur wenige Beschreibungen von Aconitin-Intoxikationen. Diese Beschreibungen sind meist älteren Datums und beziehen sich häufiger auf medikamentöse Intoxikationen. Zurückzuführen sind sie auf fehlerhafte Rezepturen oder fehlerhafte Zubereitungen in der Apotheke, oder auch auf eigenmächtige Überdosierungen. Akzidentelle Vergiftungen durch Pflanzenteile des Blauen Eisenhutes kommen trotz des brennend scharfen Geschmacks der Pflanze bei Kindern gelegentlich vor, bei Erwachsenen nur extrem selten. Der Beratungsstelle für Vergiftungserscheinungen in Berlin wurden in der Zeit von 1974 bis 1991 genau 117 Vorfälle gemeldet, zu Vergiftungssymptomen kam es in 24 Fällen. Dabei handelte es sich in 90 % der Fälle um Kinder.
In der gesamten deutschsprachigen Literatur wurden seit 1944 nur zwei Vergiftungsfälle dokumentiert. (Siehe auch Monatsschrift Kinderheilkunde (1991) 139:366-367, Springer Verlag, sowie Wielands Sammlung von Vergiftungsfällen 13 (1943/44), Berlin.)
Wirkung und Anwendung
Seit der Empfehlung Hahnemanns, das Aconitum besonders bei dem sogenannten rein inflammatorischen Fieber anzuwenden, "wo die kleinste Gabe Sturmhut alle bisherigen antipathischen Behandlungen entbehrlich macht und schnell und ohne Nachwehe hilft," ist es zu einem der wichtigsten Mittel bei akuten fieberhaften und entzündlichen Erkrankungen in der homöopathischen Schule geworden. Besonders geschätzt wird es bei Fiebern katarrhalischer und rheumatischer Natur. Als eine der wichtigsten Indikationen gelten Neuralgien. Auch bei Rheumatismus der Muskeln und Gelenke und Arthritis zählt der Eisenhut zu den wichtigsten Mitteln. "Sehr beliebt ist Aconitum ferner bei Erkältungen, die mit Schnupfen beginnen, und zwar im Wechsel mit Justitia oder als Eupatorium Oligoplex. Ein weiteres wichtiges Indikationsgebiet sind Herzleiden, insbesondere nervöse." (Gerhard Madaus, Lehrbuch der biologischen Heilmittel, Band 3, 1938)
Schon Hufeland bezeichnete den Eisenhut als eines der wirksamsten spezifischen Antirheumatika. Er verordnete ihn außerdem als Gichtmittel, Antiepileptikum und Antineuralgikum. Die jüngere therapeutische Literatur nennt als Hauptindikationen im wesentlichen Rheumatismen und Neuralgien.
Zu beachten ist, daß der Umgang mit Aconitin und die Herstellung von akonitinhaltigen Rezepten eine besondere Sachkenntnis und Sorgfalt erfordern. Aconitin gehört daher nur in die Hände von erfahrenen Therapeuten! Fertigpräparate, die Aconitin enthalten, sind ungefährlich.
Wirkmechanismus
Aconitin wirkt als Natriumkanalmodulator vor allem kardiotoxisch und neurotoxisch. Am Herzen wirkt es arrhythmogen. Im Unterschied zu anderen Toxinen, die die intrazelluläre Natriumkonzentration erhöhen, wirkt es jedoch nicht positiv inotrop. Aconitin blockiert die indirekte Erregbarkeit von Nerv-Muskelpräparaten, ohne, bei gleicher Dosierung, die direkte Erregbarkeit zu beeinträchtigen. Erst mehrfach höhere Konzentrationen depolarisieren die Muskelzellen.
