Christoph Wilhelm Hufeland
"Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern"
Seine Schriften über den schlechten Gesundheitszustand der Deutschen rüttelten König und Volk wach, wegen seines Engagements erhielt er zahllose Ehrungen: Christoph Wilhelm Hufeland war eher aufklärender Erzieher als Kliniker. Der berühmte Arzt kämpfte für eine Medizin, die das gesellschaftliche Umfeld des Menschen berücksichtigt und das "Leben verlängert".
Christoph Wilhelm Hufeland kam am 12. August 1762 in Langensalza, Thüringen, als Sohn einer angesehenen Ärztefamilie zur Welt und erhielt eine streng christlich und humanistisch geprägte Erziehung. Von 1780 bis 1783 studierte Hufeland in Jena und Göttingen Medizin. Mit 21 Jahren promovierte er bei Georg Christoph Lichtenberg, Physiker und Repräsentant der Aufklärung, über die biologischen Wirkungen der Elektrizität. Danach übernahm der junge Arzt die Landpraxis seines erblindeten Vaters in Weimar.
Auch Hufeland selbst erblindete mit 36 Jahren auf einem Auge. Bei seinen endlosen Hausbesuchen behandelte er seine Patienten außergewöhnlich gewissenhaft und aufopfernd, jedoch empfand er diese Arbeit als so anstrengend, daß er sich mitunter wünschte, "es möge die letzte Nacht sein".
Sein Pflichtgefühl gegenüber dem Beruf hatte für Hufeland höchste Priorität. Im Jahr 1808 trennte sich nach 18jähriger Ehe Juliane Amelung mit sieben Kindern von ihm, nachdem er sie zwei Jahre lang alleine gelassen hatte, um Königin Luise auf ihrer Flucht nach Memel und Königsberg als Arzt zu begleiten. Erst 1815 ging Hufeland mit Helene Troschel eine neue Ehe ein.
Arzt, Politiker und Christ
Hufeland erklomm rasch die Karriereleiter. Er war nacheinander und zuweilen gleichzeitig Hofarzt, Leibarzt der königlichen Familie, Staatsrat, Professor an den Universitäten Jena und Berlin, Direktor der militär- und wundärztlichen Ausbildungsstätte medico-chirurgicum, erster Arzt der Charité sowie Leiter der Militärakademie und der Abteilung Gesundheitswesen im Innenministerium. Hufelands Interesse für medizinisch-historische Literatur und für die Schriftstellerei brachte ihn in Kontakt mit Goethe, Schiller, Wieland und Herder.
Bemerkenswert an Hufeland war vor allem sein Einsatz für gesundheitspolitische Maßnahmen, die besonders den ärmeren Schichten zu verbesserten Lebensbedingungen verhelfen sollten. Im Zuge der Aufklärung kritisierte er Mißstände, die die Industrialisierung mit sich brachte und der Gesundheit der Arbeiter schadeten. "Auch ein hervorragender Arzt kann nichts gegen das Wesen der Krankheit unternehmen", sagte Hufeland, "wenn die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen krankmachend bleiben". Seit dem Beginn seiner Tätigkeit als Leibarzt der königlichen Familie in Berlin im Jahr 1801 veröffentlichte er vermehrt Schriften über seine gesundheitspolitischen Ziele und sozialhygienischen Forderungen. Schon zuvor hatte er über die Seuchenhygiene geschrieben. Die Verantwortung für den schlechten Gesundheitszustand des Volkes gab Hufeland dem Staat. Über diese offenen Worte seines ärztlichen Beraters war der König oftmals unwillig.
Berlin hatte damals 200 000 Einwohner, von denen jährlich rund 1000 Menschen im Alter zwischen 20 und 36 Jahren an Schwindsucht starben. Hufeland, der die Armen kostenlos behandelte, kritisierte die unhygienischen Verhältnisse Berlins. Zu seinen Forderungen gehörte, daß Ärzte sich als Beamte ein Bild von den Lebensbedingungen der Familien in allen Gesellschaftsschichten machen sollten. Er verlangte staatliche Hygienegesetze sowie staatliche Schulgesundheitspflege und schlug vor, eine soziale Krankenversicherung einzurichten, in die jeder nach seinem Verdienst Beiträge einzahlen sollte. Dies wurde jedoch erst 1871 unter Bismarck zur Realität.
Auch viele andere seiner Forderungen konnte Hufeland nicht durchsetzen, einige seiner Ideen wurden jedoch realisiert. So eröffnete er 1792 in Weimar ein Leichenschauhaus, um die Beerdigung von Scheintoten zu verhindern. Drei Jahre später begann er mit der Herausgabe der medizinischen Fachzeitschrift "Journal der praktischen Arzneikunde und Wundarztheilkunst". Auf seine Initiative hin wurde 1802 eine Berliner Impfanstalt eröffnet. Im Jahre 1810 war Hufeland an der Gründung der Berliner Universität beteiligt und wurde deren erster Dekan der medizinischen Fakultät sowie Professor der speziellen Pathologie und Therapie. Im gleichen Jahr richtete er die erste Poliklinik für unbemittelte Kranke in Berlin ein. 68jährig gründete er die später berühmt gewordene Hufelandstiftung für notleidende Ärzte, und noch in seinem letzten Lebensjahr richtete Hufeland eine Stiftung zur Unterstützung von Arztwitwen ein.
Geleitet wurde Hufeland bei seiner Arbeit auch von seinem tiefen christlichen Glauben. In Breslau hatten Ärzte am Schädel eines Toten Versuche zur Erregbarkeit der Nervenstämme durch Elektrizität durchgeführt. Ein derartiges Vorgehen lehnte Hufeland aus Ehrfurcht vor der Würde des Menschen ganz entschieden ab. Kein Mensch habe das Recht, neue Schmerzen auszulösen, wenn auch nur die geringste Möglichkeit dazu bestünde.
Gesamtheitliche Medizin
Hufeland war überzeugt davon, daß der Mensch 200 Jahre alt werden könne, wenn er nicht vor dem 100. Lebensjahr durch Krankheit oder Zufälle daran gehindert würde. In seinem berühmtesten Werk "Makrobiotik oder die Kunst, das Leben zu verlängern" schildert er Methoden der Lebensverlängerung. In wenigen Jahren wurde das Buch in alle europäischen Sprachen und sogar ins Chinesische übersetzt. Ein abgehärteter Körper, ein guter Magen, gute Zähne, gute Respirationsorgane, ein nicht zu reizbares Herz sowie Hoffnung, Liebe, Heiterkeit und Frohsinn auf psychischer Ebene verhelfen nach Hufeland zur Verlängerung des Lebens. Lebensverkürzend sollen Verzärtelung in der Erziehung, Ausschweifungen in der Liebe, Verschwendung der Zeugungskraft, unvernünftige Behandlung von Krankheiten, unreine Luft, unmäßiges Essen und Trinken, üble Laune, zu große Geschäftigkeit und Müßiggang wirken.
Immer wieder betonte Hufeland, daß die Lebensverlängerung des Menschen ein gesellschaftliches Problem sei und der Staat die Pflicht habe, dieses Problem zu lösen. Ärzte und Medizinstudenten forderte er auf, stets Milieu und äußere Umstände des Patienten wie Klima, Alter, Stand und Beruf zu berücksichtigen. Dabei sollte sich der Arzt auch mit der Psyche des Menschen beschäftigen, da körperliche Krankheitssymptome oftmals auf seelische Leiden zurückzuführen seien. Hufeland wandte sich strikt gegen eine Medizin, die auf Spekulationen beruht. Sein medizinischer Grundsatz - den sich auch die Homöopathie zu eigen gemacht hat -, den Menschen, seinen Körper und seine Seele sowie seine Umwelt als Ganzes zu sehen, entstand u. a. unter dem Einfluß der hippokratischen Schriften.
Im Geburtsjahr der Homöopathie, 1796, veröffentlichte Samuel Hahnemann in Hufelands "Journal der praktischen Arzneikunde" den Aufsatz: "Versuch über ein neues Prinzip zur Auffindung der Heilkräfte der Arzneisubstanzen, nebst einigen Blicken auf die bisherigen". In einem eigenen Beitrag wägt Hufeland 1826 die Vor- und Nachteile des neuen Heilverfahrens Hahnemanns ab. Hufelands Vorschlag, homöopathische Methoden in die bestehende Heilkunde zu integrieren, wo es sinnvoll erscheint, lehnte Hahnemann allerdings ab. Er wollte die Reinheit seiner Lehre nicht gefährdet wissen.
Hufeland erhielt für seine Verdienste um die Medizin zahlreiche Auszeichnungen. Zu seinem 50. Doktorjubiläum wurde ihm 1833 ein Carmen Gratulatorium überreicht, eine Glückwunschode auf einer Papierrolle von 6 Fuß Breite und 24 Fuß Länge. Außerdem erhielt er den Roten Adlerorden 1. Klasse und wurde zum Ehrenbürger seiner Geburtsstadt Langensalza erhoben. Eine neue Pflanzengattung wurde damals "Hufelandia" getauft. Der König bot Hufeland 1833 sogar einen Adelstitel an den er aber ablehnte: Der Arzt wollte, daß sich seine Kinder weiterhin dem Bürgertum zugehörig fühlten.
Im Jahr 1836 litt Hufeland zunehmend an dysurischen Beschwerden. Er starb am 25. August 1836 in Berlin.
Angewandte Gesundheitslehre
In Jena soll Hufeland seinen Studenten folgenden Satz an die Hörsaaltür geheftet haben: "Bei dem schönen Wetter glaube ich, mehr für die Lebensverlängerung meiner geehrten Herren Zuhörer zu sorgen, wenn ich Sie eine Stunde im Freien, anstatt in einem geschlossenen Zimmer zubringen lasse! Doktor Hufeland."
(Quelle: Herman Redetzky: Christoph Wilhelm Hufeland. Sozialhygieniker und Volkserzieher - Ein großer Arzt und Menschenfreund. Berlin 1964)
