Dioskurides
Der berühmteste Pharmakologe des Altertums
Dioskurides (1. Jh. n. Chr.) stammt aus Anazarbos in Kilikien im südwestlichen Kleinasien. Seine Ausbildung soll er in Torsos, dem bedeutendsten Zentrum botanisch-pharmakologischer Forschung im Römischen Reich, erhalten haben. Praktische Erfahrungen machte Dioskurides dahin als Militärarzt unter den römischen Kaisern Claudius und Nero. Im Gefolge der römischen Heere zog er durch Ägypten, Nordafrika, Spanien, Gallien, Italien und Syrien. Dabei hat er wohl verschiedene indische, persische und andere exotische Drogen kennengelernt. Sein Wissen schrieb Dioskurides nach naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten in mehreren Büchern nieder. Meist verwendete er die griechische Sprache, hin und wieder benutzte er auch keltische und thrakische Ausdrücke.
Seine Arzneimittellehre überdauerte die Jahrhunderte
Die Arzneimittellehre des Dioskurides gilt als eines der einflußreichsten Werke in der Geschichte der Medizin und Pharmakologie überhaupt. Über 1600 Jahre war sie die uneingeschränkte Autorität in der Pharmazie, der Pflanzen- und Drogenkunde. Über den Autor selbst sind jedoch nur wenige persönliche Daten bekannt.
Materia Medica
Das wichtigste Werk des Dioskurides ist die Materia Medica, in der er ca. 1000 Arzneimittel erfaßt hat und 4740 medizinische Anwendungen beschreibt. Die Materia Medica gliedert sich in fünf Hauptteile: 1. Genußmittel und pflanzliche Nahrungsmittel; 2. tierische Stoffe; 3. unmittelbare Arzneistoffe; 4. Getränke (Weine); 5. Mineralien.
Diese Arzneimittellehre des Dioskurides bietet erstmals eine Systematik nach der qualitativen Verwandtschaft bzw. medizinischen Wirksamkeit der einzelnen Arzneimittel. Bislang war die rein alphabetische oder nach äußerlichen Merkmalen geordnete Behandlung des Arzneistoffes üblich; naturwissenschaftliche Systematiken, Nomenklaturen und Terminologien gab es zur damaligen Zeit bislang nicht.
Besonders Dioskurides' Methode der Pflanzenbeschreibung hatte Vorbildcharakter für spätere Kräuterbücher bis in die frühe Neuzeit. Rund 600 Pflanzen beschreibt Dioskurides in der Materia Medica, und lange Zeit war man sogar der Ansicht, Dioskurides habe alle europäischen Pflanzen abgehandelt. Er nannte den Namen der Pflanze und die Synonyme, er führt die Herkunft, eine botanische Beschreibung und die medizinischen Eigenarten auf, und er gab Hinweise zur Zubereitung, Anwendung und Lagerung. Diesen genauen praktischen Nachrichten fügte Dioskurides eine inhärente spekulative Ordnung hinzu, die sich aus der Anlage der Schrift ersehen läßt. Zunächst griff er wahrscheinlich die Meinung des Herophilos über den göttlichen Ursprung der Pharmaka auf', was die Nennung der Göttin Iris am Anfang des Werkes andeuten könnte. "Iris bezeichnet im Griechischen sowohl die Pflanze, die wir Iris nennen, als auch den Regenbogen, in dem sie in der Mythologie als Götterbotin gesehen wurde.
In zahlreichen Handschriften wird der Text des Dioskurides von prachtvollen Illustrationen der behandelten Heilpflanzen begleitet. Anicia Juliana, die Tochter des weströmischen Kaisers Flavius Anicius Olybris, ließ im Jahre 512 einen kostbaren Pergamentkodex mit griechischem Text aus dem Werk des Dioskurides herstellen und mit zahlreichen künstlerisch gestalteten Pflanzenabbildungen ausstatten. Dieser sogenannte Wiener Prachtkodex gilt als älteste und wichtigste Dioskurides-Handschrift. Sie wurde 400 Jahre später im Kloster Monte Cassino ins Lateinische übertragen und neu herausgegeben. Bilder, die den Text begleiten, zeigen oft auch pharmazeutisches Gerät. Erhaltene arabische Dioskurides-Handschriften sind mit dem gleichen Aufwand illustriert wie der Codex der Anicia Juliana, was auf hochgestellte Auftraggeber schließen läßt.
Ob das ursprüngliche Werk des Dioskurides bereits Illustrationen enthalten hat, ist allerdings strittig. Fehlende Illustrationen wären jedoch eine Erklärung dafür, warum die moderne Identifikation der von Dioskurides beschriebenen Pflanzen so problematisch ist.
Die Materia Medica ist die wichtigste klassische Quelle für die moderne botanische Terminologie und verlor erst mit der Durchsetzung der botanischen Nomenklatur Linnés ihren überragenden wissenschaftlichen Einfluß. Der Aufstieg der organischen Chemie im 19. Jahrhundert hingegen verdrängte ihre Nutzung auch aus der Alltagspraxis von Kräuterkunde, pharmazeutischer Herstellung und Anwendung.
Ratgeber zur Selbstmedikation
Ein weiteres, später entstandenes Werk des Dioskurides ist sein "Euporista de facile parabilia", in dem er die einfache Zubereitung von Mixturen, Salben, Umschlägen und sogar Pastillen beschreibt. Dioskurides gibt Anleitungen zur Herstellung von Ölen, wie z. B. Bittermandel- und Zitronenöl. Er kannte und verwendete bereits Lakritzensaft gegen Husten und empfahl menschlichen Urin gegen den Biß giftiger Tiere. Man könnte dieses Werk als einen Ratgeber zur Selbstmedikation bezeichnen, denn Dioskurides gibt zu allem genaue Dosierungen an.
Galenus von Pergamon (* 129 n. Chr.), der wichtigste Lehrer der sogenannten alten Medizin, soll über Dioskurides gesagt haben, daß er die Lehre von den Heilmitteln von allen Autoren am vollkommensten vortrüge.
