Galenus

Gladiatorenarzt und Wegweiser der modernen Medizin

Galenus, auch Galen genannt, war ohne Frage der führende Wissenschaftler seiner Zeit. Er schrieb über 500 Bücher und Abhandlungen und gilt als der letzte große schöpferische Arzt der Antike, der zweite Stammhalter der antiken Medizin nach Hippokrates. Er befaßte sich mit allen medizinischen Aspekten. Seine Bücher über Medizin und Anatomie beeinflußten das medizinische Denken bis ins Mittelalter und darüber hinaus.

Claudius  Galenus (griechisch Galenos) wurde im Jahr 129 n. Chr. in Pergamon, Kleinasien, als Sohn eines hochgebildeten Vaters, der Astronom, Mathematiker und Architekt war, geboren. Er starb im Jahr 201 in Rom. Nachdem Galenus ursprünglich Mathematik und Philosophie studiert hatte, wandte er sich im Alter von 17 Jahren der Medizin zu. Nach dem Tod seines Vaters vervollständigte er seine Studien in Smyrna, Korinth und schließlich in Alexandria, wo er sich als Arzt niederließ. Alexandria war damals das führende medizinische Zentrum.

Im  Jahre 157, im Alter von 28 Jahren, kehrte Galen in seine Heimatstadt Pergamon zurück und wurde nach kurzer Zeit zum Arzt für die Gladiatoren ernannt. Durch die Behandlung der oft schwer verletzten Männer konnte er seine anatomischen Kenntnisse noch weiter ausbauen. Bereits fünf Jahre später zog es Galenus nach Rom. Schnell errang er dort großen Ruhm und wurde zum Leibarzt des Kaisers Marcus Aurelius und dessen Sohnes Commodus. In Rom schrieb er seine ersten Werke über anatomische Physiologie und Philosophie- und Medizingeschichte.

"Populus remedia cupit."

Galen beeinflußte auch die Pharmazie. Zusätzlich zu seiner ärztlichen Tätigkeit besaß er eine eigene Apotheke mit hunderten von Arzneien, die er aus pflanzlichen und tierischen Ingredienzen hatte herstellen lassen. "Populus remedia cupit" - das Volk verlangt Arzneimittel, meinte er. Und so bereitete er dem Volk die benötigten Salben, Pastillen, Abkochungen und Zäpfchen. Damit die Arzneistoffe vom Körper aufgenommen wurden, ließ er sie fein zerstoßen und sieben. Galen katalogisierte unzählige Heilmittel und beschrieb ihre Herstellung genauestens. Er glaubte, daß in Abhängigkeit von der eingenommenen Dosis jede Medizin eine leichte oder starke, harmlose oder gar fatale Wirkung beim Patienten entfalten könne. Heute noch wird in der Pharmazie der Begriff Galenik verwendet. Er bezeichnet die Wissenschaft von der Formgebung und der technologischen Prüfung der Arzneimittel. In der Galenik wird aus einem Wirkstoff ein Arzneimittel.

Körpersaft und Temperament

Galen war ein überzeugter Verfechter der Theorie der Körpersäfte, die ursprünglich von Hippokrates (460- 377 v. Chr.) entwickelt worden war. Diese sogenannte Humoralpathologie basiert auf der Annahme, daß der menschliche Körper aus vier Säften besteht: Blut, Phlegmaschleim, gelbe Galle und schwarze Galle, und daß die ideale Gesundheit auf dem Gleichgewicht dieser Säfte beruht.

Je nach Lebensalter und Jahreszeit dominiert jedoch der eine oder der andere Saft: das Blut im Frühling und in der Kindheit, die gelbe Galle im Sommer und in der Jugend, die schwarze Galle im Herbst und reifen Alter, das Phlegma im Winter und Greisenalter.

In Anlehnung an diese Säftelehre unterschied Galen vier grundlegende menschliche Temperamente: das sanguinische, das phlegmatische, das melancholische und das cholerische Temperament. Jedes Temperament wurde seiner Ansicht nach durch die Dominanz einer der vier Körperflüssigkeiten begründet. Galen glaubte daran, daß die Persönlichkeit in engem Zusammenhang mit der körperlichen Konstitution stehe.

Experimente und Logik

Doch Galen stellte auch Versuche an. Die abwechselnde Zuhilfenahme von Experimenten und folgerndem Verstand ist charakteristisch für seine experimentelle Methodik. Auch vor Selbstversuchen schreckte Galen nicht zurück: So probierte er zum Beispiel ein Mittel auf Pflanzenbasis gegen Nervenverletzungen aus, desgleichen die Lemnoserde. Auch fügte er sich Verbrennungen mit der Thapsia-Pflanze (Beulenkraut) zu, um unterschiedliche mögliche Heilmittel zu testen.

Da Dissektionen in Griechenland verboten waren, muß Galen seine diesbezüglichen Untersuchungen vor allen Dingen an Affen in Ägypten durchgeführt haben. Er schrieb lange anatomische Abhandlungen über das Skelett, die Muskeln und das zentrale Nervensystem. In Rom hielt er Vorlesungen in Anatomie und führte Sektionen an Tieren durch, wobei er demonstrierte, daß die Blutgefäße Blut anstelle von Luft enthalten.

Genie und Modearzt

Von Scholastikern wurde Galenus später als Genie verehrt, von Paracelsus jedoch als "Plackscheißer" tituliert, wohl weil Galenus sich zu allen Fragen und Gebieten der Medizin mit unüberhörbarer Selbstverständlichkeit geäußert hatte. Mag Galenus auch in gewissem Sinne ein Modearzt gewesen sein, so gilt er jedoch vielen, wie dem Historiker Schipperges, als "die Summe der antiken Heilkunde". Noch heute gilt der Galenismus als die Grundlage der abendländischen Anatomie.

"Die Ästhetik der Barthaare"

Die Barthaare, die auf dem Kinn wachsen, schützen nicht nur Wangen und Kinn, sondern haben auch ästhetische Funktion. Das Erscheinungsbild des Mannes ist würdevoller, besonders in fortgeschrittenem Alter, wenn sein Gesicht von fraglichen Barthaaren hübsch eingerahmt wird. ( ... ) Und bei der Frau, deren Körper weich ist, die immer etwas Kindliches beibehält, die keine Barthaare hat, sollte auch der Haarbesatz des Gesichts nicht unästhetisch sein, und dieses Lebewesen ist übrigens auch nicht so respektabel wie der Mann, so daß es auch nicht eines so würdevollen Erscheinungsbildes bedarf.

Galenus
(Quelle: Die Geschichte des medizinischen Denkens, Hrsg. Mirko D. Gmerk, CH. Beck, 1996)