Paracelsus

Theophrast von Hohenheim: Genie oder Scharlatan?

Er war zweifellos der herausragende Arzt und Naturforscher zwischen Mittelalter und Neuzeit in Europa. Als Patron von Apotheken, Drogerien und Kliniken, als Namensgeber für diverse Kräutermixturen und auf Medaillen für verdiente Ärzte ist er noch heute präsent. Sogar ein Intercity-Zug trägt seinen Namen. Seine Bedeutung für die moderne Medizin liegt auf der Hand, seine Lebensdaten liegen hingegen zum Teil im Dunkeln. Selbst sein genaues Geburtsdatum steht nicht fest.

Theophrastus  Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus, kam im Jahr 1493 oder 1494 als Sohn des Arztes Wilhelm Bombast von Hohenheim in Einsiedeln in der Schweiz zur Welt. Etwa im Jahr 1502, nach dem frühen Tode der Mutter, zog Theophrast mit seinem Vater nach Villach in Kärnten. Über Theophrast' Schul- und Studienzeit ist wenig bekannt. Etwa im Jahr 1515 promovierte er in Ferrara, Italien, zum Doktor der Medizin. Vermutlich zur gleichen Zeit latinisierte er seinen Namen, indem er sich nach dem römischen Arzt Aulus Cornelius Celsus (1. Jh. n. Chr.) den Namen Paracelsus (Übersetzung: zur Seite des Celsus) gab. Eventuell handelt es sich aber auch einfach um die Latinisierung seines Familiennamens "von Hohenheim".

Wegbereiter der pharmazeutischen Chemie 

Anschließend bereiste Paracelsus fast zehn Jahre lang ganz Europa. Während dieser sogenannten "großen Wanderung" praktizierte er immer wieder als Feldarzt. Obwohl Paracelsus' Auffassung von Gesundheit und Krankheit noch vom alchemistischen Denken geprägt war, sah er im Körper biologisch-chemische und physikalische Vorgänge, infolge derer Krankheit durch chemische Mittel beeinflußt werden konnte. Paracelsus suchte fortwährend nach einer neuen Heilkunst, die nicht auf Bücher, sondern auf eigene Anschauung und Erfahrung gegründet war. Die Fülle seiner medizinischen, naturkundlichen, astrologischen und theologischen Schriften zeigt Paracelsus jedoch nicht als Begründer einer neuzeitlichen, auf experimentellen Grundlagen beruhenden Medizin, sondern vielmehr als Wegbereiter der pharmazeutischen Chemie.

Paracelsus glaubte, daß bestimmte chemische und vitalisierende Kräfte im menschlichen Organismus wirkten, die er mit den Begriffen Schwefel, Salz und Quecksilber belegte. Sie sollten aber vom Geist des Lebens, dem "Archaeus" gesteuert werden, während in der Atmosphäre eine weitere Kraft, das Chaos existierte. Als Anhänger der Mikro-Makrokosmos-Ideen postulierte er drei Seins-Zustände, die "Entia" der göttlichen, seelischen und materiellen Sphäre. Um 1520 sollen seine ersten Schriften entstanden sein, darunter das fragmentarische "Volumen Paramirum", in dem die "Entia" beschrieben werden.

Der Revolutionär

Etwa ab 1524 oder 1525 lebte Paracelsus in Salzburg. Er wird in den Salzburger Bauernkrieg verwickelt, schlägt sich auf die Seite der Aufständischen, wird gefangengenommen und bald wieder auf freien Fuß gesetzt. In seinen um diese Zeit entstandenen "Archidoxen" propagiert er eine auf Destillationsmethoden beruhende Alchemia medica, in der chemische Arzneimittel favorisiert werden.

Anfang  1527 wird er als Stadtarzt und Hochschullehrer nach Basel berufen. Hier in Basel hält Paracelsus - revolutionär für die damalige Zeit - neben lateinischen auch deutsche Vorlesungen über seine "Neue Medizin". Nach heftigen Auseinandersetzungen mit der medizinischen Fakultät und mit Apothekern verläßt er etwa Anfang 1528 fast fluchtartig die Stadt. Im Anschluß an seine Aufenthalte in Colmar und Eßlingen macht er Station in Nürnberg. In den Jahren 1529 bzw. 1530 werden zwei Syphilisschriften von ihm gedruckt. Eine Eingabe der Leipziger Fakultät verhindert das Erscheinen weiterer Schriften. 1529/30 schreibt er am "Opus Paragranum" über die vier Säulen der Medizin: Philosophia, Astronomia, Alchemia und Virtus. Grundlegende Aussagen zur Entstehung von Krankheiten trifft er in seinem "Opus Paramirum", das 1531 in St. Gallen entsteht. 1536 wird in Augsburg die "Grosse Wundartzney" veröffentlicht, die keine Operationslehre, sondern "leibärztliche" Chirurgie enthält. Sehr detaillierte Hinweise über Heilpflanzenanwendungen überliefert Paracelsus in seinem Werk "Herbarius".

1540  kehrt Paracelsus nach Salzburg zurück, wo er am 24. September 1541 - noch nicht einmal 50 Jahre alt - mittellos stirbt. Seine Gebeine werden seit 1752 in der Vorhalle der Salzburger Sebastianskirche in einem Grabmal aufbewahrt.

Der Kritiker

Neben medizinischen Werken verfaßte Paracelsus zahlreiche astrologische Werke, von denen zwölf zu Lebzeiten gedruckt wurden. Die zahlreichen von ihm verfaßten theologischen Schriften blieben zu seinen Lebzeiten alle ungedruckt. Sie weisen Paracelsus als unkonventionellen Laientheologen aus, dessen Kirchen- und Sozialkritik zum Teil sehr radikal war. Er blieb dennoch zeitlebens Mitglied der katholischen Kirche.

Über Paracelsus' tatsächlichen Beitrag zum medizinischen Fortschritt herrscht auch heute noch Uneinigkeit. Während die einen ihn für die am meisten überschätzte Persönlichkeit der neuzeitlichen Medizin halten, loben ihn andere in den höchsten Tönen. Sicher ist jedoch, daß er in allen Bereichen, in denen er publizistisch tätig war, gegen Autoritäten aufbegehrte.

Er brach konsequent mit der hippokratisch-galenistischen Arzneikunde, die pflanzliche Heilmittel in den Mittelpunkt stellte. Auch war er der erste, der Irrsinn als Krankheit erkannte. Die Chemiatrie vor allem des 17. Jahrhunderts bezog sich häufig Paracelsus. Schon früh wurde er aber auch als Scharlatan und Magier verteufelt. Zur Zeit des dritten Reiches wurde er oft als "deutscher Arzt an sich" bezeichnet und als Vorläufer des Nationalsozialismus abgestempelt.