Pulsatilla pratensis – Bis zu 80 Meter im Flug
Dass es zu den potentesten Heilpflanzen in der Homöopathie zählt, sieht man dem zierlichen Pflänzchen nicht an. Seine Wirkung jedoch ist bereits seit Jahrhunderten bekannt.
Pulsatilla pratensis (MILLER), zu Deutsch die Wiesenkuh- oder auch Wiesenküchenschelle, ist eine der wohl schönsten Frühlingspflanzen. Dabei hat die Küchenschelle nichts mit der Küche zu tun; vielmehr scheint dies eine Verniedlichungsform zu sein und Küh-chenschelle zu bedeuten. Wie die Glocken der Leitkühe auf einer Wiese wiegen sich die hängenden Blüten der Pulsatilla pratensis im Wind, und dieses einprägsame Bild gab auch allen anderen Pulsatilla-Arten ihren Namen – auch wenn deren Blüten aufrecht stehen.
Botanik
Die Gattung Kuhschelle (Pulsatilla) gehört zur Familie der Hahnenfußgewächse (Ranunculaceae) und umfaßt rund 40 auf der Nordhemisphere verbreitete Arten. Wer in ihren bevorzugten Wachstumsgebieten, auf Kalk-, Sand- oder Silikatböden oder in trockenen Kiefernwäldern nach Pulsatilla Ausschau hält, kann dort gleich zweimal fündig werden. Neben der Wiesenkuhschelle trifft er dort, die Blütenfarbe ein wenig dunkler, die Blütenform kopfüber nickend, ansonsten zum Verwechseln ähnlich, die Gemeine Kuhschelle an.
Pulsatilla pratensis wird bis zu 30 Zentimeter hoch und überwintert mit den Knospen an der Erdoberfläche. Aus einer bis über 1 Meter langen Hauptwurzel wächst schräg aufwärts ein vielköpfiges Rhizom. Die drei auffälligen, stark zerteilten und am Grunde verwachsenen Hochblätter sind zur Zeit der Blüte, April bis Juni, schon voll entfaltet; die restlichen, gefiederten Blätter entwickeln sich erst nach der Blüte. Die wie die Hochblätter dicht behaarten, radiärsymmetrischen Blüten besitzen eine einfache Blütenhülle aus meist sechs purpurnen bis schwarzvioletten Perigonblättern, die nur wenig länger als die Staubblätter sind. Diese Staubblätter sowie die Fruchtblätter sind zahlreich vorhanden. An den Früchten der Pflanze, kleinen einsamigen Nüßchen, befindet sich als Verbreitungsorgan ein verlängerter behaarter Griffel, mit dessen Hilfe die Samen Strecken von bis zu 80 Metern im Schwebeflug zurücklegen können. Diese Verlängerung der Griffel zur Fruchtzeit ist der Grund gewesen, die Kuhschelle, die ansonsten der Anemone sehr gleicht, in eine eigene Gattung zu stellen.
Inhaltsstoffe
Wie viele andere Hahnenfußgewächse ist auch die Kuhschelle in allen Teilen giftig. Grund dafür ist das Glycosid Ranunculin, das sich enzymatisch in Glucose und Protoanemonin spaltet. Protoanemonin jedoch ist ein Alkakoid, das äußerlich stark haut- und schleimhautreizend wirkt und innerlich Nieren, ableitende Harnwege und Verdauungsorgane, bis hin zu Krämpfen, Erbrechen und Durchfall, reizt. Bei Kontakt mit frischem Pflanzenmaterial treten Juckreiz, Rötungen und Blasenbildung auf, doch Protoanemonin dimerisiert sehr leicht zum ungefährlichen Anemonin, so daß getrocknete Pflanzen nicht mehr toxisch sind. Desweiteren lassen sich noch Saponine, Chelidonsäure, Gerbstoffe, Harz und ätherisches Öl nachweisen.
Volksheilkunde
Die Kuhschelle ist eine sehr alte Arzneipflanze, deren Anwendung bis auf die Kelten der Eisenzeit zurückgehen soll. Im Jahre 1626 empfahl Matthiolus sie in seinem "New-Kreuterbuch" als dienlich gegen "Febris quartana und Pestilentz", und R. F. Weiss gibt in seinem Lehrbuch der Phytotherapie den Hinweis, daß Erkrankungen des inneren Auges mit der Kuhschelle zu behandeln wären und verweist auf den berühmten Augenarzt von Graefe.
In der Volksheilkunde schätzte man ihre hautrötenden, schweiß- und harntreibenden, schmerzlindernden sowie krampflösenden Eigenschaften und empfahl sie gegen Hautleiden, Menstruationsbeschwerden, Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes und der ableitenden Harnwege sowie Kopf- und Nervenschmerzen. Die Wurzeln der Pflanze gelten als nervenstärkend und ausgleichend. Eine ebenfalls häufig angegebene Wirkung ist die auf rheumatische Erkrankungen. Dabei werden sowohl Tee aus den Wurzeln als auch Salbe aus den Blättern verwendet. Interessant ist die Tatsache, daß auch die chinesische Medizin bei Anemone- und Pulsatillaarten auf die gleichen Anwendungen hinweist.
Heute ist man jedoch wegen ihrer hohen Toxizität längst davon abgegangen, Pulsatilla phytotherapeutisch zu verwenden. Neben dem Risiko einer Lähmung des zentralen Nervensystems ist beobachtet worden, daß Weidetiere, die Pulsatilla gefressen hatten, mißgebildete Früh- und Fehlgeburten erlitten.
Homöopathische Anwendung
Zur Herstellung der Homöopathika wird von Pulsatilla pratensis die frische, ganze, zur Zeit der Blüte gesammelte Pflanze verwendet. Gerhard Madaus stellte jedoch fest, daß sowohl im Frühjahr als auch im Herbst das Kraut den höheren Anemoningehalt zeigt als die Wurzel.
Obwohl Pulsatilla pratensis in der Homöopathie ein Hauptmittel bei Frauenleiden und insbesondere bei Zyklusstörungen ist, bietet sie noch eine Fülle weiterer Anwendungsmöglichkeiten. Ihre Angriffspunkte sind nicht nur das Zentralnervensystem und die weiblichen Geschlechtsorgane, sondern auch der Magen-Darm-Trakt mit Leber und Gallenblase, Muskeln und Gelenke, peripheres Venensystem und alle Schleimhäute.
