Ruta graveolens - Aphrodisiakum und Pestprophylaxe, heilsam oder magisch?

Schon die hippokratischen Ärzte benutzten die Weinraute vor 2400 Jahren als Diuretikum und milzreinigendes Mittel. Im Mittelalter versuchte man, mit ihr "giftiges Ungeziefer" zu vertreiben. Auch heute gehen die Meinungen der Fachleute über die außergewöhnlich vielseitige, aber auch nicht ganz ungefährliche Ruta graveolens auseinander.

Schon Cicero und Ovid, Paracelsus, Plutarch und Galenus berichteten über die "Ruta". Der Name geht angeblich auf die griechischen Wörter "rhyesthai" = hemme, rette, helfe und "rhyein" = fließen zurück. Durch den starken Geruch der Pflanze entstand der lateinische Begriff "graveolens". Auch die deutschen Bezeichnungen "Weinkraut" oder "Weinraute" beziehen sich auf den weinähnlichen Duft. Weitere Namen sind "Gartenraute" oder "Pfingstwuttel".

Geschichtliches und Allgemeines

Wegen der mannigfachen Eigenschaften, die der Ruta graveolens zugeschrieben wurden, rankten sich mit der Zeit viele Legenden um die Pflanze. Der englische Franziskanermönch Franziskus Bartholomäus erzählte, daß das Fabelwesen Basilisk mit dem todbringenden Blick nur durch ein Wiesel bezwungen werden könne, das zuvor von der Raute gefressen habe. Im Jahre 1734 glaubte der Olmützer Arzt Lanzer, mit einer Mischung aus Rautenblättern, Walnußkernen, Knoblauch, Essig und Salz eine Prophylaxe gegen die Pest gefunden zu haben.

Die traditionelle Heilpflanze wuchs ursprünglich nur im mediterranen Raum. Kultiviert wurde sie schließlich in ganz Europa, Nord- und Südamerika, Afrika und Teilen Asiens. Im Mittelalter zählte sie zu den 20 populärsten Gartenpflanzen. Sie diente nicht nur der Heilkunst, sondern wurde auch als Würzmittel verwendet. Heute findet man die Weinraute noch in manchen Gärten zur Dekoration. Ohne Risiko ist das nicht, denn der Hautkontakt mit der Raute kann eine Photodermatitis auslösen.

Die Ruta graveolens durchzieht die medizinische Literatur seit der Antike. Dioskurides beschrieb die Weinraute im 1. Jahrhundert n. Chr. in dem Kräuterbuch "Materia medica", im Mittelalter gehörte sie zum Lehrmaterial der berühmten Schule von Salerno, und das Christentum fand in der Raute den Heilsgedanken symbolisiert. Volkstümlich wurde das Weinkraut als Aphrodisiakum und Abortivum gebraucht, so daß es in der bildenden Kunst wegen der umstrittenen Verwendung eher selten dargestellt wurde. Während in Europa nur noch wenige die Weinraute als altes Heilkraut kennen, ist sie in Mittel- und Südamerika als vielseitige Arznei mit magischen Kräften äußerst populär.

Botanisches

Ruta graveolens wächst bevorzugt in wärmeren Gebieten und auf kalkhaltigem Boden. Sie ist eine kräftige Staude mit holziger Wurzel und schiefem, ästigem Wurzelstock. Der Stengel steht starr aufrecht und wird 20 bis 50 cm hoch, seltener bis 90 cm. Der kahle, bleichgrüne Sproß besitzt punktförmig durchscheinende bis warzig vortretende Öldrüsen, die einen herben Duft absondern. Der Geruch lockt fäulnisliebende Fliegen an, Schlägt dagegen Katzen, Marder und Ratten in die Flucht. Die fleischigen, bleich gelblichen oder bläulich-grünen Laubblätter sind unpaarig gefiedert. Der Blütenstand ist trugdoldig mit vier- bis fünfzähligen Blüten. Die Blütezeit der Weinraute dauert von Juni bis August.

Inhaltsstoffe

Die Droge Rutae herba hat einen strengen Geruch und schmeckt würzig bis bitter. Über 200 ihrer Inhaltsstoffe konnten bisher identifiziert werden. Diese lassen sich überwiegend den Gruppen der Alkaloide, Cumarine, Flavonoide und ätherischen Öle zuordnen. Die Phototoxizität des Rautenkrauts, das Hautentzündungen und Reizungen verursachen kann, ist auf die Furochinoline und Furanocumarine zurückzuführen.

Medizinisch genutzt werden die Blätter und das Kraut der Pflanze sowie das daraus gewonnene Rautenöl (Rutae aetheroleum). Auch das HAB verwendet die frischen, vor oder zu Beginn der Blüte gesammelten oberirdischen Pflanzenteile zur Herstellung der grünbraunen bis gelbbraunen, stark aromatischen Essenzen.

Anwendungsgebiete

Die Anwendung der Raute im Altertum war enorm vielfältig. Paracelsus schilderte die Pflanze als Antiepileptikum, Abortivum, Emmenagogum, Magenmittel, Anthelminthikum, als Prophylaktikum gegen Infektionskrankheiten und Schlangenbisse sowie – äußerlich angewendet – gegen Gelenkschmerzen, Augenflecken, Kopf- und Ohrenschmerzen. Hildegard von Bingen empfahl Ruta graveolens gegen Sehschwäche, Nieren- und Lendenschmerzen. Bei schmerzhafter Menstruation verschrieb Hufeland die Droge, und Pfarrer Kneipp verordnete sie bei Schwindel und Atembeschwerden. Zu Beginn dieses Jahrhunderts wurde die Raute als Muskelmittel sowie gegen Gliederschmerzen und Uterusblutungen eingesetzt. Klinische Untersuchungen existieren für diese Indikationen nicht.

Als Hauptwirkungen nennt das ehemalige Bundesgesundheitsamt in einem E-Monographieentwurf die Eigenschaften spasmolytisch, verdauungsunterstützend, die Kapillarresistenz steigernd, ödemprotektiv und emmenagog. Die Schulmedizin vermeidet die Verwendung der Weinraute, da bei innerer Anwendung in höheren Dosen Vergiftungsgefahr besteht. Während der Schwangerschaft darf die Droge nicht eingenommen werden.

In der Homöopathie wird das Heilmittel bei Quetschungen, Prellungen, Verrenkungen, körperlicher Überanstrengung, Krampfaderleiden und Rheumatismus angewandt. Weitere Indikationen sind schmerzende oder ausbleibende Menstruation, Asthenopie und Ohrenschmerzen. Ihre Bedeutung als weitverbreitetes Heil- und Hausmittel hat Ruta graveolens nicht etwa wegen mangelnder Wirksamkeit verloren, sondern gerade wegen ihres starken Wirkungspotentials. In der Hand des Therapeuten ist sie jedoch ein unverzichtbares und vielseitiges Heilmittel.

"Salvia cum Ruta faciunt pocula tuta"
(Salbei mit Raute machen den Becher sicher)
Spruch der Schule von Salerno (13. Jh.)