Spiraea ulmaria - Die grüne Königin der Infarktprophylaxe?
Seit dem 16. Jahrhundert hat die Heilpflanze mit dem lieblichen Namen einen festen Platz in den Handbüchern der Heilkunde. Nun, kurz vor der Jahrhundertwende, sorgt sie mit einer potentiellen neuen Indikation für Furore in Fachkreisen. Eignet sich Mädesüß, auch Wiesenkönigin genannt, sogar zur Herzinfarktprävention?
Geschichte
Mädesüß, im Englischen mit dem verführerisch klingenden Namen "meadow-sweet" benannt, hat mit dem Begriff "Mädchen" nichts zu tun. Der Namensgebung liegt vielmehr der Begriff "Met" zugrunde. Man verwendete nämlich früher die Blüten dieses Gewächses dazu, Getränke zu süßen und zu aromatisieren. Auch als süße Anziehungskraft für Bienen war das "Pflänzchen" gut. Bienenstöcke wurden mit dem Kraut ausgerieben, um das Bienenvolk zusammenzuhalten. Die damals gängige Bezeichnung für diese Pflanze war daher "Immenkraut", das Kraut der Imker.
Die Bezeichnungen Filipendula ulmaria und Spiraea ulmaria werden heute als Synonyme verwendet. Dies rührt daher, daß früher die Gattung Filipendula in die Gattung Spiraea einbezogen wurde und die Drogen daher heute noch entsprechend als Spiraea bezeichnet werden. Der griechische Name Spiraea bedeutet soviel wie Gewinde und gibt einen Hinweis auf die Eignung der Pflanze, sich zu einer Girlande flechten zu lassen. Ulmaria ist die Übersetzung der deutschen Bezeichnung Rüsterstaude.
Trotz ihrer Bekanntheit seit fast vier Jahrhunderten findet man nur wenige vereinzelte Angaben über diese Heilpflanze in Kräuterbüchern. Daß sie jedoch eine Delikatesse für Schafe und Ziegen darstellte, war bekannt, und diese Vorliebe der Weidentiere führte dazu, daß sie als "Notgemüse" auch für den Menschen eine gewisse Bedeutung erlangte. In Rußland wurde die Wurzel der Wiesenkönigin innerlich und äußerlich als Mittel gegen den Biß "toller Hunde" eingesetzt.
Botanik
Die Wiesenkönigin ist eine vorwiegend in Europa und Asien verbreitete Staudenpflanze, die eine Höhe von bis zu eineinhalb Metern erreichen kann. Die gelbweißen Blüten, die sie von Juni bis Juli trägt, sind zu vielstrahligen Trugdolden vereint und verbreiten einen intensiven Geruch. Der kantige Stengel trägt langstielige gefiederte Laubblätter mit ein bis fünf Paaren großer, einander gegenüberstehender Seitenfedern. Die Pflanze selbst wächst vorwiegend gesellig. Sie gedeiht besonders gut auf feuchten Wiesen, in Ufergebüschen, im Röhricht und an Wassergräben.
Spiraea ulmaria weist in ihrem Kraut einen hohen Anteil an Salicylaldehyd und freier Salicylsäure auf.
Wirkung
In der Naturheilkunde finden die Inhaltsstoffe der Heilpflanze bisher in erster Linie Anwendung bei der Rheumatismusbehandlung. Der ziehende Dauerschmerz in Weichteilen oder Gelenken wird mit Spiraea ulmaria symptomatisch kuriert. Weiterhin wurden gute Erfolge bei Schleimhautentzündungen verzeichnet, ebenso bei allen fieberhaften Erkrankungen. Die wirksamen Bestandteile der Pflanze gelten außerdem als schweißtreibend und fördern die Harnausscheidung (Diurese) bei Blasen- und Nierenleiden. Auch bei der unterstützenden Behandlung von Erkältungskrankheiten hat sich die Pflanze bewährt.
Die Tatsache, daß Spiraea ulmaria – genau wie die Weide – einen hohen Anteil an Salicylaldehyd sowie freier Salicylsäure aufweist, hat ihr heute eine Bedeutung bei der Therapie von peripheren Durchblutungsstörungen gegeben und ihr bisheriges Schattendasein erhellt. Periphere Durchblutungsstörungen sind eine Erkrankung unserer Zeit. Unsere Arterien werden immer stärker belastet, sei es durch einen zu hohen Blutzuckerspiegel, Fettablagerungen oder einen konstant überhöhten Blutdruck.
Nach neuesten Erkenntnissen sind die Inhaltsstoffe der Spiraea ulmaria in der Lage, im menschlichen Organismus die Verklumpung von Thrombozyten zu verhindern (Thrombozytenaggregationsinhibition). Dadurch kann bei einer bereits vorhandenen Verengung eines Blutgefäßes die verbesserte Fließeigenschaft des Blutes eine folgenschwere Verstopfung verhindern. Dies könnte bedeuten, daß den Folgen der Arteriosklerose, wie zum Beispiel dem Herz- oder Hirninfarkt, durch die orale Anwendung dieser Pflanze in einem gewissen Rahmen vorgebeugt werden kann.
Darreichung
In der Heilkunde werden in erster Linie die getrockneten Blüten und die während der Blütezeit geernteten sonstigen oberirdischen Teile der Pflanze verwendet. In älteren Schriften ist zwar auch die Rede von der Verwendung der Mädesüßwurzel, jedoch sind die heutzutage üblicherweise verarbeiteten Pflanzenteile das Kraut und die Blüten.
Darreichungsformen des Therapeutikums sind Urtinkturen, flüssige Verdünnungen, Tabletten, Tropfen, Teeaufgüsse, Verreibungen, Streukügelchen und flüssige Verdünnungen zur Injektion ab D 6.
Bei Patienten, die eine Unverträglichkeit gegenüber Acetylsalicylsäure oder andere entzündungshemmende Medikamente entwickelt haben, kann es in seltenen Fällen durch die Einnahme, besonders bei Mädesüßblüten, zu allergischen Reaktionen kommen. Auch auf mögliche Magenbeschwerden bei Überdosierung muß hingewiesen werden.
